H.C. Artmann Portrait

H. C. Artmann

Dichter · Übersetzer · Sprachkünstler
12. Juni 1921, Wien — 4. Dezember 2000, Wien
„ich trage keine socken beim dichten,
denn dichten ist ein barfüßiger vorgang.“

Kindheit & Jugend

Hans Carl Artmann wird am 12. Juni 1921 in Wien-Breitensee, Kienmayergasse 43, als Sohn des Schuhmachers Johann Artmann und seiner Frau Marie (geb. Schneider) geboren.

Er wächst in einem Handwerkerviertel auf, in dem er früh mit Fremdsprachen in Berührung kommt — besonders mit dem Tschechischen der Nachbarn. Nach dem Hauptschulabschluss arbeitet er als Büropraktikant.

Schon als Kind entwickelt er eine Faszination für Sprache und Dialekt, die sein gesamtes Schaffen prägen wird.

Interaktiv: In der Street View links kannst du das Geburtshaus in der Kienmayergasse 43 erkunden. Schau dir die Inschrift neben der Haustür genauer an — sie erzählt ihre eigene Geschichte.

02
1940–45
Krieg & Gefangenschaft

Krieg & Verwundung

1940 wird Artmann zur Deutschen Wehrmacht eingezogen. 1941 erleidet er eine schwere Kriegsverletzung an der Ostfront und wird in ein Strafbataillon versetzt.

1945 gerät er in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Schon während der Militärzeit widmet er sich dem Schreiben — eine Flucht in die Sprache aus der Brutalität des Krieges.

Nach Kriegsende arbeitet er als Übersetzer für die alliierten Truppen — ein Zeichen seiner außergewöhnlichen Sprachbegabung.

03
1947–52
Erste Veröffentlichungen

Literarische Anfänge

1947 erscheint seine erste Lyrikveröffentlichung im Radio Wien. Er entdeckt den Dadaismus, japanische Haiku-Dichtung und mittelalterliche Balladen als Inspirationsquellen.

1951 tritt er dem Art-Club bei, der wichtigsten Künstlervereinigung im Nachkriegs-Wien. Ab 1952 arbeitet er eng mit Gerhard Rühm und Konrad Bayer zusammen.

Eine experimentelle Stimme formt sich — zwischen Tradition und Avantgarde, zwischen Dialekt und Weltliteratur.
H.C. Artmann jung
04
1953–58
Die Wiener Gruppe

Die Wiener Gruppe

Um 1953 gründet Artmann die legendäre Wiener Gruppe — eine Avantgarde-Bewegung, die die deutschsprachige Literatur revolutioniert. Mitglieder: Friedrich Achleitner, Konrad Bayer, Gerhard Rühm und Oswald Wiener.

Die Gruppe experimentiert radikal mit Sprache, Form und Performance. Artmann verlässt die Gruppe 1958, im selben Jahr seines größten Erfolges.

Die Wiener Gruppe gilt heute als eine der bedeutendsten literarischen Avantgarde-Bewegungen der Nachkriegszeit.
med ana schwoazzn dintn Buchcover
05
1958
Der Durchbruch

med ana schwoazzn dintn

1958 erscheint med ana schwoazzn dintn. gedichta r aus bradnsee (mit einer schwarzen Tinte) — Artmanns berühmtestes Werk. Eine Sammlung von Gedichten im Wiener Dialekt, die eine ganze Dialektwelle in der deutschsprachigen Literatur auslöst.

Die Gedichte verbinden schwarzen Humor mit makabren Szenen aus dem Wiener Vorstadtleben. Was als satirische Provokation gedacht war, wird von den Lesern begeistert aufgenommen.

„r schdesd an schwooazzn kpp aufd nosn / und kummd da menschhaid oblgosn...“
H.C. Artmann
06
1960–72
Wanderjahre

Europäische Wanderjahre

Schon ab 1954 bereist Artmann Frankreich, Spanien und Irland. Die grüne Insel wird zur lebenslangen Faszination — er beschreibt sein Irland als „ein Feenland, regenbogenartig, magisch“. Keltische Mythen und Dichtung fließen in sein Werk ein, später übersetzt er keltische Klosterdichtung in Schlüssel zum Paradies (1993).

Ab 1960 verlässt er Wien dauerhaft. Er lebt in Schweden (1961–65), Berlin (1965–69) und lässt sich 1972 in Salzburg nieder. Es entstehen Übersetzungen von Villon, Molière und Lope de Vega.

  • dracula dracula (1966) — Parodie auf den Vampirmythos
  • Frankenstein in Sussex (1969) — Groteske Prosa
  • Theatralische Lesungen in ganz Europa

Fernsehproduktionen

Artmann schrieb auch für Film und Fernsehen — mit unverkennbarer Handschrift zwischen Wiener Volkstheater und Avantgarde.

Ein Beispiel für ein verwandtes Video finden Sie hier: Das Donauweibchen (modern interpretiert).

  • Das Donauweibchen (1960) — Regie: Wolfgang Glück, Musik: Paul Angerer. Ein „Wiener Fernsehdramolett“, gemeinsam mit Gerhard Rühm verfasst. Die Sage des Donauweibchens wird als Rockerballade im Wiener Untergrund der späten 1950er erzählt. 43 Min., Schwarzweiß.
  • Die Moritat vom Räuberhauptmann Johann Georg Grasel (1969) — Regie: Otto A. Eder, Drehbuch: Artmann & Friedrich Polakovics. Eine ORF-Produktion über den legendären niederösterreichischen Räuberhauptmann Grasel, im typisch Artmann'schen Moritatenstil.
Artmanns Fernseharbeiten verbinden Volksmythos mit experimenteller Form — das Donauweibchen als Rockerin, der Räuber als Bänkelsänger-Held.
08
1958–2000
Gesamtwerk

Werk & sprachliche Vielfalt

H.C. Artmann nachdenklich
09
1974–97
Ehrungen

Auszeichnungen

Artmanns Lebenswerk wurde mit den höchsten literarischen Ehrungen gewürdigt:

  • Großer Österreichischer Staatspreis für Literatur (1974)
  • Literaturpreis der Stadt Wien (1977)
  • Ehrendoktorat der Universität Salzburg (1991)
  • Georg-Büchner-Preis — die höchste literarische Auszeichnung im deutschsprachigen Raum (1997)
  • Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln (1997)
Der Büchner-Preis 1997 krönte ein Lebenswerk, das die Grenzen der Sprache immer wieder neu definierte.
H.C. Artmann spätes Portrait
10
1995–2000
Rückkehr nach Wien

Rückkehr & Vermächtnis

1995 kehrt Artmann nach Wien zurück und nimmt eine Lehrtätigkeit an der Wiener Schule für Dichtung an. Er schreibt und dichtet bis ins hohe Alter weiter.

Am 4. Dezember 2000 stirbt Hans Carl Artmann in Wien an einem Herzinfarkt. Er wird am Wiener Zentralfriedhof beigesetzt.

H. C. Artmann hinterlässt ein Werk von unvergleichlicher Vielfalt — ein Kosmos aus Dialekt und Hochsprache, Humor und Abgrund, Tradition und radikaler Erneuerung.

Artmann liest Artmann

Aufnahmen via lyrikline.org
Vollständiger Audio-Player mit allen Aufnahmen auf lyrikline.org/h-c-artmann

Noch ana Sindflud

Gedicht mit Aufnahme

Blauboad 1

Gedicht mit Aufnahme
← → zum Navigieren