Geboren am 28. August 1749 in Frankfurt am Main als erstes Kind des kaiserlichen Rates Johann Caspar Goethe (1710–1782) und Catharina Elisabeth, geb. Textor (1731–1808), Tochter des Frankfurter Stadtschultheißen. Das Elternhaus am Großen Hirschgraben — wohlhabend, gebildet, mit einer Bibliothek von über 2.000 Bänden.
Umfassende Bildung durch Privatlehrer: Latein, Griechisch, Französisch, Italienisch, Englisch, Hebräisch, Zeichenkunst, Musik, Reiten, Fechten. Frühe Leidenschaft für Literatur und das Frankfurter Theater. Das Erdbeben von Lissabon (1755) und die französische Besatzung im Siebenjährigen Krieg prägen den jungen Goethe tief.
»Vom Vater hab ich die Statur, des Lebens ernstes Führen, vom Mütterchen die Frohnatur und Lust zu fabulieren.«
Von sechs Geschwistern überlebten nur Johann Wolfgang und seine ein Jahr jüngere Schwester Cornelia (1750–1777) das Kindesalter. Die vier anderen — Hermann Jacob, Catharina Elisabeth, Johanna Maria und Georg Adolph — starben im Säuglingsalter. Cornelia war Goethes engste Vertraute der Jugend: hochbegabt, sprachgewandt, leidenschaftlich. Ihre Zwangsheirat mit Johann Georg Schlosser und ihr früher Tod mit nur 26 Jahren erschütterten ihn zutiefst.
Der Vater — streng, pedantisch, ehrgeizig — legte den Grundstein für Goethes enzyklopädische Bildung. Die Mutter — warmherzig, phantasievoll, eine begnadete Geschichtenerzählerin — wurde in Frankfurt liebevoll »Frau Aja« genannt und stand bis ins hohe Alter in herzlichem Briefwechsel mit dem Sohn.
Jurastudium in Leipzig — dem »kleinen Paris«. Poetik bei Gellert, Zeichenunterricht bei Adam Friedrich Oeser. Die Liebe zu Anna Katharina (»Käthchen«) Schönkopf inspiriert erste Gedichte, doch die Beziehung zerbricht. 1768 ein schwerer Blutsturz — Goethe kehrt todkrank nach Frankfurt zurück.
Nach der Genesung 1770 Fortsetzung des Studiums in Straßburg. Die schicksalhafte Begegnung mit Johann Gottfried Herder öffnet die Augen für Shakespeare, Homer, Ossian und die Volkspoesie. Die Liebe zur Pfarrerstochter Friederike Brion in Sesenheim inspiriert die »Sesenheimer Lieder« — Mailied, Willkommen und Abschied — der Durchbruch zur modernen Erlebnislyrik. 1771 Promotion zum Licentiatus Juris.
Anwalt in Frankfurt, doch die Dichtung siegt. »Götz von Berlichingen« (1773) wird zum Manifest der Bewegung. »Die Leiden des jungen Werthers« (1774) erschüttert ganz Europa — ein Sensationserfolg ohnegleichen. Napoleon liest es siebenmal. Eine Welle von Nachahmungssuiziden — das »Werther-Fieber« — löst die erste Mediendebatte der Geschichte aus.
Verlobung mit Lili Schönemann (1775), der Tochter eines Frankfurter Bankiers — doch die Verlobung wird gelöst. Die Hymnen »Prometheus« und »Ganymed« zeigen titanischen Schöpferdrang. Erste Entwürfe zum »Urfaust«. Im November 1775 folgt er der Einladung des jungen Herzogs Carl August nach Weimar — eine Entscheidung für das ganze Leben.
Der 26-jährige Goethe wird engster Berater des erst 18-jährigen Herzogs Carl August. Übernahme von Regierungsämtern: Bergbau, Straßenbau, Finanzen, Kriegskommission. 1782 Erhebung in den Adelsstand. Die Beziehung zu Charlotte von Stein (1742–1827) — über 1.700 Briefe bezeugen eine Seelenliebe von seltener Intensität, die ihn seelisch verwandelt.
Er richtet sein Gartenhaus an der Ilm ein, leitet das Weimarer Hoftheater, erforscht die Geologie des Thüringer Waldes und entdeckt 1784 den menschlichen Zwischenkieferknochen. Doch zehn Jahre Regierungsgeschäfte zehren an der Schöpferkraft — die Flucht nach Italien wird zur Notwendigkeit.
Am 3. September 1786 bricht Goethe unter falschem Namen heimlich nach Italien auf. Über den Brenner nach Verona, Venedig, Rom, Neapel, Sizilien. In Rom lebt er unter Künstlern, studiert die Antike, zeichnet unablässig. Vollendet »Iphigenie auf Tauris« in jambischen Fünfhebern, arbeitet am »Egmont«, »Tasso« und der »Faust«-Konzeption.
»Ich zähle meinen zweiten Geburtstag, eine wahre Wiedergeburt, von dem Tage, da ich Rom betrat.«
Im Juli 1788 — wenige Wochen nach der Rückkehr aus Italien — begegnet Goethe der 23-jährigen Christiane Vulpius (1765–1816) im Park an der Ilm. Die Arbeitertochter und Blumenmacherin wird seine Lebensgefährtin — gegen alle Konventionen der Weimarer Gesellschaft. Charlotte von Stein bricht den Kontakt ab.
Am 25. Dezember 1789 wird Sohn August geboren — das einzige überlebende Kind. Vier weitere Kinder sterben kurz nach der Geburt. Erst 1806, nach der Plünderung Weimars durch napoleonische Truppen — Christiane rettet das Haus und Goethes Manuskripte — heiraten sie offiziell. Die Ehe der »kleinen Erotika«, wie er sie nennt, währt bis zu ihrem Tod 1816. Goethe ist untröstlich.
Julius August Walther von Goethe — einziges überlebendes Kind. Wuchs im Schatten des übermächtigen Vaters auf, studierte Jura, wurde Weimarer Kammerrat. 1817 heiratete er Ottilie von Pogwisch (1796–1872), die Goethe drei Enkel schenkte: Walther (1818–1885), Wolfgang (1820–1883) und Alma (1827–1844).
August litt unter Alkoholismus und dem Druck, Goethes Sohn zu sein. Er starb am 27. Oktober 1830 in Rom — ausgerechnet dort, wo sein Vater die glücklichste Zeit erlebt hatte. Goethe erfuhr die Nachricht gefasst: »Non ignoravi me mortalem genuisse« — Ich wusste, dass ich einen Sterblichen gezeugt hatte. Keiner der drei Enkel hatte Nachkommen — die Linie erlosch 1885.
Die produktivste Dichterfreundschaft der Literaturgeschichte. Nach anfänglicher Distanz beginnt 1794 mit Schillers berühmtem Brief über die »Urpflanze« ein Jahrzehnt intensivster gegenseitiger Inspiration: Balladen, Xenien, die Zeitschriften »Die Horen« und »Musenalmanach«. Gemeinsam entstehen »Der Zauberlehrling«, »Die Kraniche des Ibykus«, »Der Ring des Polykrates«.
Unter Schillers Einfluss treibt Goethe den »Faust« und »Wilhelm Meister« voran. Schiller drängt, fordert, begeistert. Sein Tod am 9. Mai 1805 trifft Goethe ins Mark: »Ich dachte mich selbst zu verlieren, und verliere nun einen Freund und in demselben die Hälfte meines Daseins.«
Über 60 Jahre Arbeit. Der Gelehrte Heinrich Faust, unzufrieden mit den Grenzen des Wissens, schließt einen Pakt mit dem Teufel Mephistopheles.
Teil I (1808): Die
Gretchentragödie.
Teil II (1832, postum): Mythologie, Politik, Utopie.
Europäischer Sensationserfolg. Eine unmögliche Liebe, die im Freitod endet.
Der prototypische deutsche Bildungsroman. Suche nach Selbstverwirklichung.
Ein chemisches Gleichnis für die Leidenschaften. Freiheit, Bindung und Schicksal.
Goethes klassischstes Drama. Humanität bricht den Fluch der Tantaliden.
Orient trifft Okzident. Inspiriert von Hafis und Marianne von Willemer.
Der Konflikt zwischen Genialität und gesellschaftlichen Zwängen.
Das Sturm-und-Drang-Drama schlechthin. Freiheit gegen Fürstenwillkür.
Monumentale Lebensgeschichte — Wahrheit und Erfindung untrennbar verwoben.
»Zur Farbenlehre« (1810): Gegenentwurf zu Newton. Phänomenologischer Ansatz zur Farbwahrnehmung — beeinflusst Denker von Schopenhauer bis Wittgenstein.
Entdeckung des Zwischenkieferknochens (1784). »Metamorphose der Pflanzen« (1790). Über 17.000 gesammelte Mineralien.
Ein lyrisches Werk, das die deutsche Sprache auf ihren Gipfel führte. Dramen, die zu den größten der Weltliteratur zählen. Romane, die ganze Gattungen begründeten. Über 12.000 Briefe. Naturwissenschaftliche Studien, die bis heute inspirieren.
»Goethe repräsentiert den Augenblick der deutschen Geschichte, in dem die deutsche Bildung Weltkultur wird.« — Thomas Mann
»Was man nicht versteht, besitzt man nicht.«