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Johann Wolfgang von Goethe — Gemälde von Joseph Karl Stieler, 1828
Dichter · Denker · Naturforscher

Johann Wolfgang
von
Goethe

1749 — 1832
Es ist nicht genug, zu wissen, man muß auch anwenden; es ist nicht genug, zu wollen, man muß auch tun.
— Wilhelm Meisters Wanderjahre
Kapitel I

Kindheit und Jugend
in Frankfurt

1749 – 1765

Geboren am 28. August 1749 in Frankfurt am Main als erstes Kind des kaiserlichen Rates Johann Caspar Goethe (1710–1782) und Catharina Elisabeth, geb. Textor (1731–1808), Tochter des Frankfurter Stadtschultheißen. Das Elternhaus am Großen Hirschgraben — wohlhabend, gebildet, mit einer Bibliothek von über 2.000 Bänden.

Umfassende Bildung durch Privatlehrer: Latein, Griechisch, Französisch, Italienisch, Englisch, Hebräisch, Zeichenkunst, Musik, Reiten, Fechten. Frühe Leidenschaft für Literatur und das Frankfurter Theater. Das Erdbeben von Lissabon (1755) und die französische Besatzung im Siebenjährigen Krieg prägen den jungen Goethe tief.

»Vom Vater hab ich die Statur, des Lebens ernstes Führen, vom Mütterchen die Frohnatur und Lust zu fabulieren.«

Die Familie Goethe

Geschwister und Eltern

Von sechs Geschwistern überlebten nur Johann Wolfgang und seine ein Jahr jüngere Schwester Cornelia (1750–1777) das Kindesalter. Die vier anderen — Hermann Jacob, Catharina Elisabeth, Johanna Maria und Georg Adolph — starben im Säuglingsalter. Cornelia war Goethes engste Vertraute der Jugend: hochbegabt, sprachgewandt, leidenschaftlich. Ihre Zwangsheirat mit Johann Georg Schlosser und ihr früher Tod mit nur 26 Jahren erschütterten ihn zutiefst.

Der Vater — streng, pedantisch, ehrgeizig — legte den Grundstein für Goethes enzyklopädische Bildung. Die Mutter — warmherzig, phantasievoll, eine begnadete Geschichtenerzählerin — wurde in Frankfurt liebevoll »Frau Aja« genannt und stand bis ins hohe Alter in herzlichem Briefwechsel mit dem Sohn.

Kapitel II

Leipzig und Straßburg

1765 – 1771

Jurastudium in Leipzig — dem »kleinen Paris«. Poetik bei Gellert, Zeichenunterricht bei Adam Friedrich Oeser. Die Liebe zu Anna Katharina (»Käthchen«) Schönkopf inspiriert erste Gedichte, doch die Beziehung zerbricht. 1768 ein schwerer Blutsturz — Goethe kehrt todkrank nach Frankfurt zurück.

Nach der Genesung 1770 Fortsetzung des Studiums in Straßburg. Die schicksalhafte Begegnung mit Johann Gottfried Herder öffnet die Augen für Shakespeare, Homer, Ossian und die Volkspoesie. Die Liebe zur Pfarrerstochter Friederike Brion in Sesenheim inspiriert die »Sesenheimer Lieder« — Mailied, Willkommen und Abschied — der Durchbruch zur modernen Erlebnislyrik. 1771 Promotion zum Licentiatus Juris.

Kapitel III

Sturm und Drang

1771 – 1775

Anwalt in Frankfurt, doch die Dichtung siegt. »Götz von Berlichingen« (1773) wird zum Manifest der Bewegung. »Die Leiden des jungen Werthers« (1774) erschüttert ganz Europa — ein Sensationserfolg ohnegleichen. Napoleon liest es siebenmal. Eine Welle von Nachahmungssuiziden — das »Werther-Fieber« — löst die erste Mediendebatte der Geschichte aus.

Verlobung mit Lili Schönemann (1775), der Tochter eines Frankfurter Bankiers — doch die Verlobung wird gelöst. Die Hymnen »Prometheus« und »Ganymed« zeigen titanischen Schöpferdrang. Erste Entwürfe zum »Urfaust«. Im November 1775 folgt er der Einladung des jungen Herzogs Carl August nach Weimar — eine Entscheidung für das ganze Leben.

Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, die eine will sich von der andern trennen.
— Faust I, Vers 1112–1113
Kapitel IV

Weimar

1775 – 1786

Der 26-jährige Goethe wird engster Berater des erst 18-jährigen Herzogs Carl August. Übernahme von Regierungsämtern: Bergbau, Straßenbau, Finanzen, Kriegskommission. 1782 Erhebung in den Adelsstand. Die Beziehung zu Charlotte von Stein (1742–1827) — über 1.700 Briefe bezeugen eine Seelenliebe von seltener Intensität, die ihn seelisch verwandelt.

Er richtet sein Gartenhaus an der Ilm ein, leitet das Weimarer Hoftheater, erforscht die Geologie des Thüringer Waldes und entdeckt 1784 den menschlichen Zwischenkieferknochen. Doch zehn Jahre Regierungsgeschäfte zehren an der Schöpferkraft — die Flucht nach Italien wird zur Notwendigkeit.

Die Wiedergeburt

Italienische Reise

1786 – 1788

Am 3. September 1786 bricht Goethe unter falschem Namen heimlich nach Italien auf. Über den Brenner nach Verona, Venedig, Rom, Neapel, Sizilien. In Rom lebt er unter Künstlern, studiert die Antike, zeichnet unablässig. Vollendet »Iphigenie auf Tauris« in jambischen Fünfhebern, arbeitet am »Egmont«, »Tasso« und der »Faust«-Konzeption.

»Ich zähle meinen zweiten Geburtstag, eine wahre Wiedergeburt, von dem Tage, da ich Rom betrat.«

Liebe und Familie

Christiane Vulpius

1788 – 1816

Im Juli 1788 — wenige Wochen nach der Rückkehr aus Italien — begegnet Goethe der 23-jährigen Christiane Vulpius (1765–1816) im Park an der Ilm. Die Arbeitertochter und Blumenmacherin wird seine Lebensgefährtin — gegen alle Konventionen der Weimarer Gesellschaft. Charlotte von Stein bricht den Kontakt ab.

Am 25. Dezember 1789 wird Sohn August geboren — das einzige überlebende Kind. Vier weitere Kinder sterben kurz nach der Geburt. Erst 1806, nach der Plünderung Weimars durch napoleonische Truppen — Christiane rettet das Haus und Goethes Manuskripte — heiraten sie offiziell. Die Ehe der »kleinen Erotika«, wie er sie nennt, währt bis zu ihrem Tod 1816. Goethe ist untröstlich.

Der Sohn

August von Goethe

1789 – 1830

Julius August Walther von Goethe — einziges überlebendes Kind. Wuchs im Schatten des übermächtigen Vaters auf, studierte Jura, wurde Weimarer Kammerrat. 1817 heiratete er Ottilie von Pogwisch (1796–1872), die Goethe drei Enkel schenkte: Walther (1818–1885), Wolfgang (1820–1883) und Alma (1827–1844).

August litt unter Alkoholismus und dem Druck, Goethes Sohn zu sein. Er starb am 27. Oktober 1830 in Rom — ausgerechnet dort, wo sein Vater die glücklichste Zeit erlebt hatte. Goethe erfuhr die Nachricht gefasst: »Non ignoravi me mortalem genuisse« — Ich wusste, dass ich einen Sterblichen gezeugt hatte. Keiner der drei Enkel hatte Nachkommen — die Linie erlosch 1885.

Kapitel V

Goethe und Schiller

1794 – 1805

Die produktivste Dichterfreundschaft der Literaturgeschichte. Nach anfänglicher Distanz beginnt 1794 mit Schillers berühmtem Brief über die »Urpflanze« ein Jahrzehnt intensivster gegenseitiger Inspiration: Balladen, Xenien, die Zeitschriften »Die Horen« und »Musenalmanach«. Gemeinsam entstehen »Der Zauberlehrling«, »Die Kraniche des Ibykus«, »Der Ring des Polykrates«.

Unter Schillers Einfluss treibt Goethe den »Faust« und »Wilhelm Meister« voran. Schiller drängt, fordert, begeistert. Sein Tod am 9. Mai 1805 trifft Goethe ins Mark: »Ich dachte mich selbst zu verlieren, und verliere nun einen Freund und in demselben die Hälfte meines Daseins.«

Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!
— Das Göttliche, 1783
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Faust
Eine Tragödie

Goethe
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Hauptwerk

Faust

Über 60 Jahre Arbeit. Der Gelehrte Heinrich Faust, unzufrieden mit den Grenzen des Wissens, schließt einen Pakt mit dem Teufel Mephistopheles.

Teil I (1808): Die Gretchentragödie.
Teil II (1832, postum): Mythologie, Politik, Utopie.

Werkübersicht

Prosa und Dramen

Die Leiden des jungen Werthers

1774 · Briefroman

Europäischer Sensationserfolg. Eine unmögliche Liebe, die im Freitod endet.

Wilhelm Meisters Lehrjahre

1795/96 · Bildungsroman

Der prototypische deutsche Bildungsroman. Suche nach Selbstverwirklichung.

Die Wahlverwandtschaften

1809 · Roman

Ein chemisches Gleichnis für die Leidenschaften. Freiheit, Bindung und Schicksal.

Iphigenie auf Tauris

1787 · Drama

Goethes klassischstes Drama. Humanität bricht den Fluch der Tantaliden.

Werkübersicht

Weitere Meisterwerke

West-östlicher Divan

1819 · Lyriksammlung

Orient trifft Okzident. Inspiriert von Hafis und Marianne von Willemer.

Torquato Tasso

1790 · Drama

Der Konflikt zwischen Genialität und gesellschaftlichen Zwängen.

Götz von Berlichingen

1773 · Drama

Das Sturm-und-Drang-Drama schlechthin. Freiheit gegen Fürstenwillkür.

Dichtung und Wahrheit

1811–33 · Autobiographie

Monumentale Lebensgeschichte — Wahrheit und Erfindung untrennbar verwoben.

Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was ich leide!
— Wilhelm Meisters Lehrjahre, Mignon-Lied
Lyrik und Balladen

Gedichte

Erlkönig

»Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind;«

Der Zauberlehrling

»Hat der alte Hexenmeister
sich doch einmal wegbegeben!«

Prometheus

»Bedecke deinen Himmel, Zeus,
mit Wolkendunst!«

Wandrers Nachtlied II

Ȇber allen Gipfeln ist Ruh,
in allen Wipfeln spürest du
kaum einen Hauch;«

Erlkönig

1782
Erzähler Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind;
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.
Vater Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? —
Sohn Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?
Den Erlenkönig mit Kron' und Schweif? —
Vater Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif. —
Erlkönig »Du liebes Kind, komm, geh mit mir!
Gar schöne Spiele spiel' ich mit dir;
Manch bunte Blumen sind an dem Strand,
Meine Mutter hat manch gülden Gewand.«
Sohn Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
Was Erlenkönig mir leise verspricht? —
Vater Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind;
In dürren Blättern säuselt der Wind. —
Erlkönig »Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?
Meine Töchter sollen dich warten schön;
Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn
Und wiegen und tanzen und singen dich ein.«
Sohn Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
Erlkönigs Töchter am düstern Ort? —
Vater Mein Sohn, mein Sohn, ich seh' es genau:
Es scheinen die alten Weiden so grau. —
Erlkönig »Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;
Und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt.«
Sohn Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an!
Erlkönig hat mir ein Leids getan! —
Erzähler Dem Vater grauset's; er reitet geschwind,
Er hält in Armen das ächzende Kind,
Erreicht den Hof mit Mühe und Not;
In seinen Armen das Kind war tot.

Der Zauberlehrling

1797
Lehrling Hat der alte Hexenmeister
sich doch einmal wegbegeben!
Und nun sollen seine Geister
auch nach meinem Willen leben.
Seine Wort' und Werke
merkt ich und den Brauch,
und mit Geistesstärke
tu ich Wunder auch.
Walle! walle
Manche Strecke,
daß, zum Zwecke,
Wasser fließe
und mit reichem, vollem Schwalle
zu dem Bade sich ergieße.
Und nun komm, du alter Besen!
Nimm die schlechten Lumpenhüllen;
bist schon lange Knecht gewesen:
nun erfülle meinen Willen!
Auf zwei Beinen stehe,
oben sei ein Kopf,
eile nun und gehe
mit dem Wassertopf!
Walle! walle
Manche Strecke,
daß, zum Zwecke,
Wasser fließe
und mit reichem, vollem Schwalle
zu dem Bade sich ergieße.
Seht, er läuft zum Ufer nieder,
Wahrlich! ist schon an dem Flusse,
und mit Blitzesschnelle wieder
ist er hier mit raschem Gusse.
Schon zum zweiten Male!
Wie das Becken schwillt!
Wie sich jede Schale
voll mit Wasser füllt!
Stehe! stehe!
denn wir haben
deiner Gaben
vollgemessen! —
Ach, ich merk es! Wehe! wehe!
Hab ich doch das Wort vergessen!
Ach, das Wort, worauf am Ende
er das wird, was er gewesen.
Ach, er läuft und bringt behende!
Wärst du doch der alte Besen!
Immer neue Güsse
bringt er schnell herein,
Ach! und hundert Flüsse
stürzen auf mich ein.
Nein, nicht länger
kann ich's lassen;
will ihn fassen.
Das ist Tücke!
Ach! nun wird mir immer bänger!
Welche Miene! welche Blicke!
O du Ausgeburt der Hölle!
Soll das ganze Haus ersaufen?
Seh ich über jede Schwelle
doch schon Wasserströme laufen.
Ein verruchter Besen,
der nicht hören will!
Stock, der du gewesen,
steh doch wieder still!
Willst's am Ende
gar nicht lassen?
Will dich fassen,
will dich halten
und das alte Holz behende
mit dem scharfen Beile spalten.
Seht da kommt er schleppend wieder!
Wie ich mich nun auf dich werfe,
gleich, o Kobold, liegst du nieder;
krachend trifft die glatte Schärfe.
Wahrlich, brav getroffen!
Seht, er ist entzwei!
Und nun kann ich hoffen,
und ich atme frei!
Wehe! wehe!
Beide Teile
stehn in Eile
schon als Knechte
völlig fertig in die Höhe!
Helft mir, ach! ihr hohen Mächte!
Und sie laufen! Naß und nässer
wird's im Saal und auf den Stufen.
Welch entsetzliches Gewässer!
Herr und Meister! hör mich rufen! —
Ach, da kommt der Meister!
Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister
werd ich nun nicht los.
Meister »In die Ecke,
Besen! Besen!
Seid's gewesen.
Denn als Geister
ruft euch nur, zu seinem Zwecke,
erst hervor der alte Meister.«
Über allen Gipfeln ist Ruh.
Warte nur, balde ruhest du auch.
— Wandrers Nachtlied II, 1780
Der Naturforscher

Farbenlehre und Morphologie

»Zur Farbenlehre« (1810): Gegenentwurf zu Newton. Phänomenologischer Ansatz zur Farbwahrnehmung — beeinflusst Denker von Schopenhauer bis Wittgenstein.

Entdeckung des Zwischenkieferknochens (1784). »Metamorphose der Pflanzen« (1790). Über 17.000 gesammelte Mineralien.

Man sieht nur, was man weiß.
— Gespräch mit Eckermann
Lebensstationen

Zeitstrahl

1749Geburt in Frankfurt am Main
1765Jurastudium in Leipzig
1770Straßburg — Begegnung mit Herder
1773»Götz von Berlichingen« — Sturm und Drang
1774»Die Leiden des jungen Werthers« — Weltruhm
1775Ankunft in Weimar — Regierungsamt
1786Flucht nach Italien — künstlerische Wiedergeburt
Lebensstationen

Zeitstrahl

1794Beginn der Freundschaft mit Schiller
1808»Faust I« erscheint — Begegnung mit Napoleon
1810»Zur Farbenlehre« — naturwissenschaftliches Hauptwerk
1819»West-östlicher Divan« — Orient trifft Okzident
1831Vollendung des »Faust II«
1832Tod in Weimar — »Mehr Licht!«
Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.
— Faust II, Vers 11936–11937
Vermächtnis

Tod und Nachleben

22. März 1832 — Weimar

Ein lyrisches Werk, das die deutsche Sprache auf ihren Gipfel führte. Dramen, die zu den größten der Weltliteratur zählen. Romane, die ganze Gattungen begründeten. Über 12.000 Briefe. Naturwissenschaftliche Studien, die bis heute inspirieren.

»Goethe repräsentiert den Augenblick der deutschen Geschichte, in dem die deutsche Bildung Weltkultur wird.« — Thomas Mann

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Mehr Licht!
Letzte Worte · 22. März 1832
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Johann Wolfgang
von Goethe

1749 — 1832

»Was man nicht versteht, besitzt man nicht.«